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Arbeitssucht – Wenn man Zuhause ein Fremder ist

Laut dem Arbeitspsychologen Stefan Poppelreuter aus Bonn ist mittlerweile jeder siebte Deutsche gefährdet, eine Arbeitssucht zu entwickeln. Rund 400 000 Personen leiden bereits unter Workaholismus. Der Job wird zum Dreh- und Angelpunkt des Lebens, während Familie, Freunde und Hobbys immer weiter nach hinten rücken. Obwohl Arbeitssucht nicht als Krankheit anerkannt ist, hat sie dieselben Züge wie jede andere Sucht.

Ab wann ist man arbeitssüchtig?

Eine Arbeitssucht entsteht nicht von heute auf morgen, sondern die Entwicklung verläuft schleichend – typisch für jede Sucht. Auch typisch für jedes Suchtverhalten sind die Gründe, die hinter der Arbeitssucht stecken: Die Sehnsucht nach Lob, Anerkennung und Bestätigung. In der Regel sind Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl eher niedrig. Durch beste Leistung versuchen Arbeitssüchtige jedoch, ihr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu stärken. Diese beiden Faktoren lassen sich aber nur dann aufrecht halten, solange gearbeitet wird. Arbeitspausen werden zur Zerreißprobe, denn dann werden die tief sitzenden Ängste und nicht erfüllten Bedürfnisse spürbar.

Zu Beginn der Arbeitssucht fühlen sich die Betroffenen sehr leistungsfähig und sind voller Tatendrang. Die Bestätigung von Außen spornt sie an und motiviert zum Weitermachen. Die guten Ergebnisse inklusiv Lob und Anerkennung lässt eine Art Hochgefühl entstehen. Arbeit bekommt nun einen immer höheren Stellenwert.

Familie, Freunde, Hobbys – all das wird weniger wichtig. Aber auch Zeit für sich, Zeit zum Entspannen wird weniger. Jetzt treten erste gesundheitliche Probleme auf, zum Beispiel Kreislaufprobleme oder nachlassende Konzentrationsfähigkeit. Ebenso taucht hin und wieder der Gedanke auf, dass man eigentlich nochmal etwas für sich tun müsste. Es bleibt aber bei diesem Gedanken.

Im weiteren Verlauf bleibt dieses wohltuende Hochgefühl weitgehend aus und ist nur noch selten zu spüren. Vielmehr fühlen sich Betroffene wie getrieben, denn sie spüren zwar, dass ihre Energiereserven fast aufgebraucht sind, aber sie sind nicht in der Lage aufzuhören. Sie erkennen, dass sie auf die Bremse treten müssten, um sich selbst nicht vollkommen zu ruinieren und doch versuchen sie vor sich selbst dieses Gefühl zu verdrängen und sich die Arbeit samt Anstrengung schönzureden.

In diesem Stadium treten oftmals weitere Süchte hinzu, beispielsweise Alkohol, Nikotin, Medikamente aber auch Sexsucht ist möglich. Egal zu welchem Mittel gegriffen wird, es soll die Anspannung abbauen, sodass man leistungsfähig bleibt. Die Leistungsfähigkeit hat allerdings in diesem Stadium bereits nachgelassen und der Weg in das nächste, kritische Stadium ist nicht mehr weit.

Die Folgen von Arbeitssucht

Arbeitssüchtige erleben Arbeitspausen als unerträglich. Wenn Freizeit stattfindet, wird auch dann über die Arbeit gesprochen oder zumindest gedacht. Meistens wird Arbeit mit nach Hause genommen und somit lassen sich Feiertage oder Sonntage gut überstehen. Ist es nämlich nicht möglich, zu arbeiten, fühlen sich die Betroffenen sehr unwohl. Pausen, Urlaub oder einfach nur Zeit mit der Familie – das sind für Arbeitssüchtige keine entlastende und entspannende Situationen.

Diese andauernde Belastung und Anspannung bleibt natürlich nicht ohne Folgen. So kommt es im kritischen Stadium zu verschiedenen Symptomen und Begleiterscheinungen wie Folgende:

  • Magenreizungen
  • Magengeschwüre
  • Rückenbeschwerden
  • Kopfschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Schwindel
  • Herzerkrankungen

Diese und weitere Erkrankungen führen zu Fehlzeiten am Arbeitsplatz und der innere Druck wird stetig größer. Für die Betroffenen ist dies häufig der Zeitpunkt, an dem sie über Hilfe nachdenken. Da Arbeitssüchtige Familie und Freunde vernachlässigt haben, sind diese oftmals als stützende und helfende Kräfte nicht mehr vorhanden. Viele suchen dann Hilfe bei anonymen Selbsthilfegruppen

Ist Arbeitssucht eine Krankheit?

Obwohl die Anzahl der Arbeitssüchtigen zunimmt, ist eine Arbeitssucht immer noch nicht als Krankheit anerkannt. Dennoch gibt es Hilfe und Therapiemöglichkeiten.

Der erste Schritt ist wie bei allen anderen Süchten das Eingeständnis krank zu sein und Hilfe zu brauchen. Von einer Sucht kann sich nur sehr schwer alleine befreit werden. Für viele Betroffene sind Selbsthilfegruppen wichtige Anlaufstellen. Eine Psychotherapie ist eine weitere Möglichkeit, denn um die Arbeitssucht hinter sich lassen zu können, müssen eigene Werte hinterfragt und neu definiert werden. Außerdem ist es notwendig zu lernen, wie man das Bedürfnis nach Anerkennung auf andere Art befriedigen kann.

Suchtprävention im Unternehmen auch für Arbeitssucht sinnvoll

In vielen größeren Unternehmen bestehen bereits Maßnahmen für eine Suchtprävention und genau dies ist ebenfalls für die Arbeitssucht sinnvoll. Die meisten Betroffenen wenden sich nicht an den Vorgesetzten, wenn sie merken, dass sie Hilfe benötigen. Arbeitssucht – das ist immer noch ein Tabuthema. Außerdem sind nicht selten auch die Führungskräfte von dieser Sucht betroffen.

Um Workaholismus vorzubeugen, sollte dieses Thema transparent gemacht werden, zum Beispiel durch Aktionstage für alle Mitarbeiter. Da sich die Arbeitssucht mit der Zeit durch verändertes Arbeits- und Sozialverhalten bemerkbar macht, kann hier genauso ein Gespräch zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter stattfinden, wie das bei Alkoholsucht oder Medikamentensucht der Fall ist: Dokumentieren, was beobachtet wurde, um mit dem Betroffenen sachlich und empathisch über zukünftige Maßnahmen und Hilfestellungen zu sprechen. Außerdem ließe sich die Arbeitskultur in Unternehmen so verändern, dass gefährdete Personen frühzeitig abgefangen werden.

Weiterführende Infos zum Thema:

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