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Großraumbüros und andere laute Geschichten

Menschen hierzulande umgeben sich gerne mit Geräuschen: Musik im Ohr wird genutzt, um Mitmenschen in der U-Bahn auf Abstand zu halten, das Radio im Auto oder zuhause sorgt für einen vertrauten Klangteppich und nimmt unsere Gedanken mit auf die Reise, ohne dass wir uns unangenehmen oder wichtigen inneren Dialogen stellen müssten. Betritt man einen Klamottenladen wird`s gleich nochmal so schön: „Ich bin auf einer Party gelandet“, nur an eine Bar ist nicht gedacht worden, sehr Schade, denn dann würde die Feierlaune vielleicht nicht in der Umkleidekabine enden müssen.

Zurück zuhause wird vom Nachbarn das Handwerker-Workout in den eigenen vier Wänden absolviert oder ein anderes Mal verlangen die schönen Tage danach, endlich mal die Gartenmöbel zu kärchern oder den Rasen zu mähen. Verlässliche Nachbarschaft eben. Wer laut ist, ist tüchtig. Dabei muss es sich aber doch um eine deutsche Eigenart handeln, vor allem elektronisches oder gar schweres Gerät dient der Selbstvergewisserung und dem gesunden Revierverhalten gleichermaßen. Hört her: Mach ich Lärm, bin ich!

Und wie verhält es sich mit der Geräuschewelt auf der Arbeit?

Ein Tag im Büro, wie er vielen anderen gleicht: Morgens ein kleiner ruhiger Zeitkorridor, denn Gleitzeit wird für manch einen Angestellten lediglich als Verlagerung der Arbeitszeit nach hinten begriffen. Es gibt sie also, die blaue Stunde im Büro. Bis etwa 8.30 Uhr, dann werden Bohnen in der elektrischen Kaffeemaschine gemahlen, Milch geschäumt und die Handys erst stumm gestellt, wenn der erste Anruf daran erinnert. Wobei stumm auch nicht ganz stimmt, das energische Brummen eines mobilen Gerätes, das wie ein invalides, aber kämpferisches Tierchen echte Strecke auf dem Schreibtisch des Kollegen macht, bis dieser endlich aus der Küche zurück kommt, um den eingehenden Anruf wegzudrücken.

Die Gemeinschaftsbüros füllen sich, es wird sich gegenseitig vergewissert, dass man vollzählig ist, auffällig leise nur die Kollegen, die sich verspäten oder krank sind. Draußen ist mittlerweile der Verkehr auf der sechsspurigen Straße am Fließen, wenn nun der Rettungswagen die Ringstraße benutzen muss, wird er vorwärts kommen und die Sirene nicht gefühlt 20 Minuten anschalten müssen. Die Baustelle auf der Häuserseite gegenüber macht Fortschritte, die auf der Etage im vierten Stock nicht. Aber nun ist der Straßenbauabschnitt vor der Tür endlich fertig, alles ist in Bewegung. Erfolgreiche Städtemanager sprachen mal vom „Wachsen mit Weitsicht“, stimmt jetzt aber auch nicht ganz, der alte Wasserturm ist vom Schreibtisch aus nicht mehr zu sehen, die weite Sicht wird durch einen Neubau versperrt.

Produktivität im Großraumbüro sinkt

Zurück am Arbeitsplatz: „Lärm und Störungen senken die Konzentration und die Produktivität im Großraumbüro“ steht auf dem Bildschirm. Es gab da mal die Idee sich besser zu vernetzten und austauschen zu können, Entscheidungen schneller zu treffen und mit den lieben Kollegen das Teambilding aktiv voranzutreiben. Doch der gelesene Satz bleibt hängen und scheint es wert näher darauf einzugehen. Der Mensch ist manchmal freiwillig, meist jedoch unfreiwillig auf Gemeinschaft angewiesen, hat unterschiedliche Bedürfnisse und es ist anzunehmen, dass die Verständigung auf ein gemeinsames Regelwerk am Arbeitsplatz recht viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt.

Dem einen Kollegen ist beispielsweise die Klimaanlage gerade recht, andere greifen zu Schal und Strickjacke. Die mitgebrachten Speisen am

Schreibtisch zu verzehren, kann bei einer hohen Schreibtischdichte ebenso zu Irritationen wie Ablehnung führen. Selbst gut geschallte Räume können nicht alle laut geführten Telefonate dämpfen. Der Bürofrieden muss gewahrt bleiben, doch leider wird meist das Streiten nicht so offen praktiziert, wie es gesund wäre. Typischerweise werden Läster-Gespräche mittags im kleinen Kreis geführt und Sympathie - und Antipathiepunkte in der Kantine beim Schnitzel-Essen vergeben. All das ist dem Gedanke des produktiven Zusammenarbeitens nicht zuträglich, entlastet zugegeben aber kurzfristig.

Freiwillig ins Gemeinschaftsbüro mit der Kaffeeflat

Es gibt aber auch einen Gegentrend zu beobachten. Der freiberufliche Einzelkämpfer will in den sogenannten Coworking Space zurück, weil er zuhause nicht ausreichend Anregung und Abwechslung bekommt. Der Smalltalk mit Gleichgesinnten ist durch eMails schreiben oder facebook eben doch nicht zu ersetzten. Es stellen sich dann auch tatsächlich die - von den Chefs so - ersehnten positiven Effekte der gegenseitigen Unterstützung ein. Man gibt sich gegenseitig Tipps und netzwerkt im Vorbeigehen. Die meist jüngeren Berufsstarter berichten von einem Wohngemeinschafts-Gefühl, das - je nach Bedürfnis – dauerhaft oder vorübergehend eingekauft werden kann.

Der Unterschied zwischen beiden Konzepten liegt auf der Hand und ist durch das Wörtchen „freiwillig“ auszumachen. Ein Mitarbeiter in der heute schnellen, digitalen und lauten Arbeitsumwelt, braucht vielleicht ein bisschen mehr Freiraum und Gestaltungsmöglichkeiten, um das eigene Wirken jenseits von Verkaufszahlen oder Kundenzufriedenheit als Resultat mit nach Hause zu nehmen oder überhaupt wahrzunehmen.

Autorin: Tanja Merkens

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