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Ort und Zeit selbst bestimmen – deutsche Arbeitsplätze im Wandel?

Ort und Zeit selbst bestimmen – deutsche Arbeitsplätze im Wandel?

Es klingt fast wie ein Märchen und doch ist es bereits in einigen Firmen Realität: Mitarbeiter entscheiden selbst, wann und wie lange sie Urlaub nehmen und wo sie arbeiten möchten. Für die junge Generation sind solche Arbeitsbedingungen genau richtig, denn sie legt großen Wert auf Work-Life-Balance. Dennoch könnte bei dem einen oder anderen Arbeitnehmer der innere Druck größer werden, wenn er Selbstverantwortung übernehmen muss und es nicht schafft, die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben zu ziehen.

Mehr Vertrauen in die Mitarbeiter setzen

Mitarbeiter bei Microsoft in Deutschland haben nun die freie Wahl, wo sie arbeiten möchten. Es besteht keine Anwesenheitspflicht mehr und somit können die Beschäftigten entscheiden, ob sie im Firmengebäude, von Zuhause aus oder im Park ihre Aufgaben erledigen möchten. Seit 1998 konnten die Mitarbeiter Microsofts bereits ihre Arbeitszeiten selbst festlegen. Nun wird noch mehr auf Vertrauen gebaut.
Laut Elke Frank, Personalchefin bei Microsoft, hat die Anwesenheit nichts mit der Leistungsqualität zu tun. Besonders für konzentrierte Arbeiten ist es besser, wenn die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz selbst auswählen können. Da der soziale Kontakt mit Kollegen erhalten bleiben soll, besteht die Option für alle Beschäftigten, in der Firmenzentrale arbeiten zu können. Die Mitarbeiter verfügen zwar nicht mehr über einen eigenen Schreibtisch, doch stehen Büros, Sitzecken und ein Café für alle bereit.

Microsoft ist nicht das einzige Unternehmen, welches die Arbeitsbedingungen lockert. Angestellte der Unternehmensgruppe Virgin in den USA und in Großbritannien können ihren Urlaub nehmen, ohne vorher einen Antrag zu stellen. Sie entscheiden, wann und wie lange sie freinehmen. Richard Branson, Chef der Unternehmensgruppe, ist es lediglich wichtig, dass die Aufgaben erfüllt werden. Das heißt, die Auszeiten jedes einzelnen Mitarbeiters dürfen weder den Projekten, noch dem Unternehmen oder der Karriere der Angestellten schaden.

Motivierte Mitarbeiter durch flexible Arbeitswelt?

Auch das amerikanische Unternehmen Netflix ist von flexiblen Arbeitszeiten überzeugt und konnte bisher gute Erfahrungen damit sammeln. Für langfristige Projekte wird ein Ziel gesetzt und die Mitarbeiter sind dafür verantwortlich, dieses Ziel sowie die Etappenziele zu erreichen. Wie sie das machen, beziehungsweise wie viel sie dafür arbeiten müssen, entscheidet jeder selbst. Steve Swasey, der ehemalige Sprecher von Netflix, traf 2010 die Aussage, dass Regeln, Bestimmungen und Vorschriften lediglich Innovationskiller seien. Unbelastete Menschen werden ihr bestes geben können.

Urlaubzeiten und Arbeitsplätze selbst wählen – das könnte also Leistungsfähigkeit und Kreativität erhöhen. Es könnte aber ebenso für manchen Mitarbeiter den Druck erhöhen. Hat man die Option, zu arbeiten wann und wo man will, muss man fähig sein, Grenzen zu ziehen. Wer das nicht schafft, wird womöglich eher mehr Stress statt weniger erleben.
Da gibt es diejenigen, die bei dieser Freiheit auf den letzten Drücker arbeiten, weil sie es nicht schaffen, kontinuierlich und konsequent zu arbeiten. Es steht kein Chef mehr da, der einem sagt, dass man täglich x Stunden zu arbeiten hat. Das Ergebnis zählt und die Deadline für das Projekt muss eingehalten werden. Kein Wecker, der einen morgens aus dem Bett wirft, aber auch kein fester Feierabend. Die einen müssen ihren inneren Schweinehund überwinden, um in die Gänge zu kommen und die anderen müssen lernen, sich selbst an den Feierabend zu erinnern. Nimmt man sich einige Tage frei, bleibt die Arbeit liegen und muss anschließend erledigt werden. Die Deadline rückt näher und dann werden Arbeitstage notwendig, an denen zehn oder mehr Stunden gearbeitet werden muss.

Mehr Freiheit in der Arbeitswelt wird nur dem Mitarbeiter gut tun, der eine gute Portion Selbstdisziplin mitbringt. Wer davon zu wenig besitzt, wird wahrscheinlich schwer mit seinen freien Möglichkeiten umgehen können. Bransons Warnung an die Mitarbeiter lautet nicht umsonst, dass sie nur dann Urlaub nehmen sollten, wenn sie sicher sind, dass durch die Auszeiten Projekte, Unternehmen und die eigene Karriere keinen Schaden nehmen.

Sind die amerikanischen Arbeitszeit-Modelle auf die deutsche Berufswelt übertragbar?

Die Arbeitswelt in den vereinigten Staaten sieht etwas anders aus, als die in Deutschland. So zahlt Evernote den Mitarbeitern eine Prämie, die eine komplette Woche Urlaub nehmen. Es ist in den USA nicht üblich, dass man mehrere Tage hintereinander freinimmt. Auch ist die gesamte Anzahl der Urlaubstage nicht mit denen in Deutschland zu vergleichen. Den meisten Angestellen in den Vereinigten Staaten stehen zwei Wochen bezahlter Urlaub zu. Wenn dort nun ein Unternehmen festlegt, dass Urlaub frei gewählt werden kann, ist das tatsächlich eine willkommene moderne Freiheit. Zudem sind die Berufstätigen in den USA häufig enger mit dem Unternehmen verbunden, als das bei deutschen Angestellten der Fall ist. Amerikaner identifizieren sich mehr mit der Firma und werden somit auch selbst dafür sorgen wollen, dass Ziele erreicht werden und die Arbeitsergebnisse mehr als zufriedenstellend sind.
Leistung zählt auch weiterhin und so kann man in den USA seinen Arbeitsplatz schnell verlieren, wenn die Leistung nicht ausreicht. Netflix hat zwar die Arbeitszeiten gelockert und trotzdem fliegt jeder, der nicht genügend Leistung bringt.

In Deutschland setzt sich der Betriebsrat oder die Gewerkschaft ein, wenn ein Arbeitnehmer seine dreißig Tage Urlaub nicht nehmen konnte oder kann. Mal schnell gekündigt zu werden ist in Deutschland auch nicht möglich. Dennoch wünschen sich viele Arbeitnehmer in Deutschland mehr Freiheiten. Besonders die neue Generation möchte nicht mehr ihre Freizeit nach den Arbeitszeiten planen, sondern die Arbeitszeiten und Arbeitsplätze so wählen können, dass sie mit der jeweiligen persönlichen Situation zusammenpassen.

Die allgemeine Überzeugung in Deutschland lautet: Je mehr geleistet wird, desto erfolgreicher wird man sein. Diese Meinung wird zunächst bestehen bleiben und somit den Druck jedes Einzelnen durch gelockerte Arbeitsbedingungen erhöhen. Work-Life-Balance ist nur schwer erreichbar, wenn das Leistungsdenken in dieser Form vorhanden ist. Man darf gespannt sein, welche Erfahrungen Firmen wie Microsoft mit ihren gelockerten Modellen berichten werden.

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