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Fauler Süden, fleißiger Norden? Feiertage sind Ländersache

Fauler Süden, fleißiger Norden? Feiertage sind Ländersache

Am Reformationstag 2017 haben die meisten Menschen in Deutschland frei. Zum Gedenken an den Anschlag der 95 Thesen durch Martin Luther vor 500 Jahren ist der 31. Oktober in diesem Jahr ein bundesweiter Feiertag. Dass dieser Tag unabhängig vom Bundesland begangen wird, ist alles andere als selbstverständlich, denn es gibt ein massives Gefälle zwischen dem Norden und dem Süden der Republik, was gesetzliche Feiertage anbelangt. Ist das gerecht – und was hat das für Auswirkungen auf die Wirtschaft?

Es scheint jedenfalls paradox: Bundesländer wie Bayern oder Baden-Württemberg verfügen über eine stärkere Wirtschaftsleistung und entsprechend auch höhere Gehälter als die Gegenden im Norden und Osten der Republik, obwohl Arbeitnehmer im Süden bis zu vier Tage im Jahr weniger arbeiten. Die genaue Anzahl gesetzlicher Feiertage ist in einem gewöhnlichen Jahr wie folgt:

Eine Frage des Glaubens: Gründe für die regionalen Unterschiede

Die Feiertage werden in Deutschland überwiegend nicht auf Bundesebene festgelegt, sondern sind Ländersache. Zwar gibt es mit Neujahr, Karfreitag und den Ostertagen, dem 1. Mai, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und den Weihnachtstagen mehrere Tage, die in jedem Bundesland arbeitsfrei sind – doch einzig der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober ist als Nationalfeiertag Sache des Bundes.

Dass Tage wie Heilige Drei Könige, Fronleichnam oder Allerheiligen in manchen Bundesländern arbeitsfrei sind und in anderen nicht, hat religiös-kulturelle Gründe. Bayern zum Beispiel verfügt über eine katholische Bevölkerungsmehrheit und entsprechend groß ist der Einfluss der Kirche, die an ihren Feiertagen festhält. Schleswig-Holstein hingegen ist protestantisch geprägt, die evangelische Kirche beansprucht hier weniger Raum bei der Feiertagsregelung.
Übrigens: Die Tage rund um Karneval bzw. Fasching sind in keinem Bundesland gesetzliche Feiertage. In Regionen wie dem Rheinland geben viele Unternehmen traditionell ihren Mitarbeitern am Rosenmontag oder Fastnachtsdienstag als sogenannten Brauchtumstag arbeitsfrei. Rechtlichen Anspruch auf Freizeit zu Karneval hat allerdings niemand.

Tendenziell verfügen die eher katholischen Länder im Süden und Westen über mehr gesetzliche Feiertage als der überwiegend evangelische oder konfessionslose Norden und Osten der Republik. Zudem wurde der evangelische Buß- und Bettag im Jahr 1995 zugunsten der neu eingeführten Pflegeversicherung abgeschafft. Nur in Sachsen blieb er bestehen, wo Arbeitnehmer allerdings aus diesem Grund einen höheren Beitrag zur Pflegeversicherung bezahlen müssen. Es ist also kompliziert!

Anzahl der Feiertage in Deutschland schwankt von Jahr zu Jahr

Wenn ein gesetzlicher Feiertag auf einen Samstag oder Sonntag fällt, haben Arbeitnehmer mit üblichen Fünftagewochen das Nachsehen: Der freie Tag wird nicht ersetzt. Und so kam zum Beispiel Bayern im Jahr 2014 auf drei Feiertage mehr als 2015, als der Tag der Deutschen Einheit und der zweite Weihnachtsfeiertag auf einen Samstag sowie Allerheiligen auf einen Sonntag fielen.

Dass Kalenderkonstellationen die Feiertagsanzahl bestimmen, ist in manchen Ländern gar nicht vorstellbar. Im Vereinigten Königreich wird beispielsweise der erste Montag im Mai als „Early May Bank Holiday“ begangen; Feiertage, die auf einen Sonntag fallen, holt man am Montag darauf nach. Ähnlich sieht es in den USA, Spanien oder Belgien aus. In Luxemburg haben Arbeitnehmer hingegen das Recht, einen „ausgefallenen“ Feiertag an einem beliebigen Arbeitstag innerhalb von drei Monaten nachzuholen. Frankreich und Malta wiederum handhaben das Thema wie die Bundesrepublik. Die Weihnachtsfeiertage liegen am Wochenende? Pech gehabt.

Volkswirtschaftliche Auswirkungen: Was kostet ein Tag?

Arbeitgeberverbände und Arbeitnehmervertreter streiten seit jeher leidenschaftlich darüber, wie viele Feiertage denn gut oder schlecht für die Beschäftigten beziehungsweise die Volkswirtschaft seien. Gerade jetzt im „Lutherjahr“ 2017, wo es auf Initiative der Kirchen einen arbeitsfreien Reformationstag für alle gibt – mit Ausnahme der Mitarbeiter von Notdiensten und anderen unaufschiebbaren Dienstleistungen – stellt sich die Frage: Was kostet eigentlich ein Feiertag? Die Ergebnisse der Studien gehen je nach Tendenz der Auftraggeber auseinander: Unternehmerverbände, denen Feiertage ein Dorn im Auge sind, präsentieren höhere Zahlen als beispielsweise die Gewerkschaften, die für das Wohl der Arbeitnehmer eintreten.

Laut Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln gingen an einem zusätzlichen freien Tag wie dem 31. Oktober in diesem Jahr 0,1 Prozent der gesamten Jahreswirtschaftsleistung verloren, denn die Wertschöpfung an einem einzelnen Arbeitstag betrage mehr als zehn Milliarden Euro. Wie sich das im Einzelnen auswirkt, ist wiederum stark branchenabhängig. Im Einzelhandel kommt es auf die verkaufsoffenen Tage an; in der Baubranche spielt wiederum eher eine Rolle, ob der Feiertag in die Sommer- oder Wintermonate fällt. Noch anders sieht es in Branchen wie Freizeit oder Gastronomie aus: Sie profitieren von mehr freien Tagen, weil Menschen diese häufiger mit „schönen Dingen“ verbringen und zum Beispiel ins Schwimmbad oder Kino gehen. Für deren Vergnügen müssen allerdings wieder andere Leute arbeiten.

Aus Sicht der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die die Arbeitnehmerperspektive einnimmt, spielt der einmalige Reformationstag 2017 volkswirtschaftlich nur eine kleine Rolle. Zudem ist der Reformationstag in den meisten ostdeutschen Bundesländern ohnehin jedes Jahr arbeitsfrei. Die geringe Bedeutung von einem zusätzlichen freien Tag wird dadurch belegt, dass Bayern und Baden-Württemberg sowohl wirtschaftliche Zugpferde der Bundesrepublik als auch Spitzenreiter bei der Zahl der Feiertage sind. Zudem sitzen die meisten Dax-Unternehmen in den Bundesländern, wo besonders wenig gearbeitet wird.

Als ernstzunehmenden Faktor für die Wirtschaftskraft brauchen wir uns also weniger um die Verteilung der Feiertage Gedanken zu machen. Eine einheitliche Regelung für alle Bundesländer wäre zur Vermeidung von Neid und Eifersucht zwischen den Bundesbürgern in Nord und Süd, Ost und West wohl förderlich: 61 Prozent der Bevölkerung sprechen sich dafür aus, dass es in der gesamten Bundesrepublik gleich viele gesetzliche Feiertage geben soll.

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Quellen:

Deutsche Handwerks Zeitung
Manager
Spiegel Online
Süddeutsche Zeitung
WELT Online
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