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Der anonyme Bewerber

Im Job sollten fachliche Qualitäten zählen – nicht menschliche. So ist es zumindest der Wunsch all jener, die gegen Diskriminierung wettern und die anonyme Bewerbung fordern. Diese Bewerbung soll keinerlei Rückschlüsse auf Alter, Geschlecht oder Nationalität zulassen und den Fokus vom Bild auf die Inhalte lenken.

Die Meinungen zu dieser Art von Bewerbung, die beispielsweise in den USA seit Jahren als Standard und in Frankreich und Deutschland bei einigen Firmen testweise läuft, gehen weit auseinander. In Deutschland beteiligen sich seit letzem Jahr fünf Unternehmen: Deutsche Post, Deutsche Telekom, L'Oréal, Maydays GmbH und Procter & Gamble wagen das Experiment.
Dir Befürchtung, dass diese Form der Bewerbung zunächst einmal den bürokratischen Aufwand erhöhe, teilen die Konzerne scheinbar nicht.

Ob sich eine solche Form von Bewerbungen aber bei kleinen und mittelständischen Unternehmen durchsetzen kann, ist fraglich. Viele Mittelständler schrecken schon heute davor zurück, Stellen auszuschreiben, weil sie seit Inkrafttreten des Allgemeinen Gesetzes zur Gleichbehandlung (AGG) – im Volksmund das „Antidiskriminierungsgesetz“ - nicht mehr so recht wissen, was sie in eine Stellenanzeige schreiben dürfen und was nicht. Oder mit welcher Begründung sie einen Bewerber ablehnen dürfen. Mitunter liest man mittlerweile deswegen in Absagen schon mal den seltsam anmutenden Satz: „Seit Inkrafttreten des AGG verzichten wir auf eine Begründung für die Absage.“
Ob einem Bewerber damit wirklich gedient ist?

Keine Frage – es ist nicht gerecht, wenn Murat oder jemand, der gebürtig aus Sachsen stammt, keine Chance bekommt, weil sich in den Köpfen der Menschen Vorurteile festgesetzt haben. Es ist nicht fair, wenn Singles bevorzugt werden – oder Familienmenschen. Es ist nicht richtig, wenn die „dummen Blondinen“ von vornherein aussortiert werden oder Männer als „Kassiererin“ keine Chance haben.
Aber letztlich ist es so, dass all diese Eigenschaften oder Merkmale spätestens beim Vorstellungsgespräch augenscheinlich werden. Und auch dann kann man immer noch nach persönlichen Vorlieben aussortieren. Allerdings hat der Bewerber, der zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, sich dann schon mal Hoffnungen gemacht und die Enttäuschung wird umso größer.

Entsprechend kontrovers wird das Thema auch diskutiert und selbst Fachleute sind sich über den Nutzen der anonymen Bewerbung nicht einig. Und unterm Strich steht: Wo fängt man an, wo hört man auf? Müsste nicht viel mehr anonymisiert werden? Und was nützt es, wenn man sich zum Vorstellungsgespräch nicht gleich einen Papiertüte über den Kopf zieht?

Ein sehr zwiespältiges Thema, dass uns dieses Jahr aber sicher noch mehr begleiten wird. Mit Spannung darf man abwarten, was die fünf Unternehmen als Fazit ziehen können. Aber wie sehen Bewerber die anonyme Bewerbung?