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Von der Bundeswehr in die Wirtschaft: Sind Ex-Soldaten bessere Arbeitnehmer?

Ein Soldat der Bundeswehr repariert schweres technisches Gerät

Ehemalige Soldaten und Soldatinnen sind auf dem deutschen und internationalen Arbeitsmarkt so gefragt wie nie. Was die ehemaligen Uniformträger und -trägerinnen so attraktiv macht, wie viel Gehalt Unternehmen bereit sind, diesen Arbeitskräften zu bezahlen und welche Unternehmen besonders interessiert sind, haben wir uns im Folgenden angeschaut.

Die Karriere nach der Uniform

Der Übergang ins zivile Leben kann einige Herausforderungen für aus der Bundeswehr ausscheidende Soldaten bereithalten. Fremdbestimmte Umzüge und zum Teil gefährliche Einsätze im Ausland werden von den Frei- und Unsicherheiten des freien Marktes abgelöst. Unterstützung bei diesem Wechsel bietet den ausscheidenden Zeitsoldaten der Berufsförderungsdienst der Bundeswehr (BFD). Er hilft zum Beispiel dabei, Ausbildungen, die  vor dem Eintritt in die Bundeswehr begonnenen jedoch nicht abgeschlossen wurden, zu beenden. Außerdem stellt er Umschulungen oder Weiterbildungen in verschiedenen Bereichen zu Verfügung. Dazu zählen:

  • Gesundheit und Pflege
  • Sprache und Tourismus
  • IT und Elektronik
  • Wirtschaft und Verwaltung

Wenig bekannt ist, dass diese Unterstützung auch schon einige Zeit vor dem nahenden Ausscheiden in Anspruch genommen werden kann. So unterstützt der BFD Soldaten und Soldatinnen auch bei der Kontaktaufnahme zu potenziellen Arbeitgebern – bei ca. 5.000 Unternehmen hat er inzwischen eigene Ansprechpartner.

Darüber hinaus steht ausscheidenden Zeitsoldaten zur Wiedereingliederung ins zivile Berufsleben und zur sozialen Absicherung eine zeitlich befristete finanzielle Unterstützung zu. Diese sogenannten Übergangsgebührnisse betragen 75 Prozent der letzten Dienstbezüge und werden für sieben Monate bis maximal drei Jahre gezahlt. Die genaue Dauer der Zahlung hängt von der jeweiligen Dienstzeit ab. Mindestens vier Jahre Dienstzeit müssen geleistet worden sein, damit überhaupt Ansprüche geltend gemacht werden können. Diese Übergangsgebührnisse geben vielen Zeitsoldaten die Möglichkeit, sich für die freie Wirtschaft fit zu machen, sofern dies nicht schon vorher geschehen ist.

Welche Unternehmen werben um Ex-Soldaten?

Der prominenteste Name, den man häufig in Verbindung mit der Anwerbung ehemaliger Soldaten und Soldatinnen hört, ist Amazon. Der Online-Händler wirbt offen und intensiv um ehemalige Offiziere – nicht nur in Deutschland, auch in zahlreichen anderen Ländern. Military Recruiting nennt sich das beim Marktführer des Onlinehandels. Doch nicht nur Amazon sucht und engagiert viele Ex-Soldaten: Supermarktketten wie Aldi oder die Rewe-Gruppe sowie weitere Schwergewichte wie die Deutsche Bahn oder die Deutsche Post gehören zu denjenigen, die in Zeiten des Fachkräftemangels qualifizierte Mitarbeiter und Personal unter den Männern und Frauen suchen, die am Ende ihrer Bundeswehrkarriere stehen. Traditionell zeigen auch Sicherheits- und Wachdienste sowie die Rüstungsindustrie großes Interesse an ehemaligen Soldaten und Soldatinnen. Viele von ihnen finden nach ihrer Dienstzeit Arbeit im öffentlichen Dienst – genaugenommen rund 25 Prozent der ausscheidenden Zeitsoldaten –, auch weil der BFD viel in diesen Bereich vermittelt. Dicht hinter dem öffentlichen Dienst liegen die Industrie, in der 17 Prozent tätig werden, und Dienstleister mit 15 Prozent. Lediglich sechs Prozent der Ex-Soldaten gehen derzeit in die Logistikbranche. Wenig überraschend ist, dass die Stellensuche für bei der Bundeswehr ausgebildete Sanitätskräfte und Ärzte besonders schnell erfolgreich verläuft. Der Weg in den Gesundheitssektor ist hier quasi vorprogrammiert.

Darum sind Ex-Soldaten auf dem Arbeitsmarkt so gefragt

Dass ehemalige Soldaten der Bundeswehr auf dem Arbeitsmarkt begehrt sind, ist nicht neu, nimmt aber zu. Betrachtet man die vielen Attribute, die ihnen zugeschrieben werden, erklären die ihre Beliebtheit durchaus. Militärangehörige gelten als:

  • gut ausgebildet
  • (selbst)diszipliniert
  • zuverlässig
  • strukturiert
  • teamfähig
  • motivierend
  • anpackend

Darüber hinaus werden Ex-Soldaten als besonders belastbar, verantwortungsbewusst und durchsetzungsstark wahrgenommen. Anders als es die Ausschreibungen bei Amazon vermuten lassen, wird bei einigen Unternehmen der militärische Führungsstil, basierend auf Disziplin und Durchsetzungsvermögen, als Hindernis für die freie Wirtschaft angesehen. Der Onlinehändler beschreibt allerdings, selbst gute Erfahrungen mit den ehemaligen Soldaten gemacht zu haben und schätzt besonders ihre Hartnäckigkeit und Entschlossenheit. Die offensichtliche Beliebtheit der Ex-Soldaten bei Unternehmen, besonders im Logistikbereich, fußt allerdings nicht nur auf den genannten und von Unternehmen positiv bewerteten Attributen. Es kommen noch weitere, entscheidende Faktoren hinzu: Ehemalige Offiziere drängen meist mit Mitte 30 auf den freiwirtschaftlichen Arbeitsmarkt. Sie haben eine gute Berufsausbildung, meist sogar ein abgeschlossenes Studium, haben Lebenserfahrung, können sich durchsetzen und wissen oft, wo es für sie hingehen soll. Zwar fehlt es ihnen nicht selten an praktischer Erfahrung, da die Aufgaben bei der Bundeswehr von den Tätigkeiten in der freien Wirtschaft erheblich abweichen, dennoch sind sie im Besitz des Fachwissens und einer guten technischen Ausbildung.

Für die Logistikbranche, mit Amazon als bekanntem Beispiel, sind ausscheidende Soldaten besonders interessant. Dies liegt zum einen an der ihnen zugeschriebenen Erfahrung in Bereichen wie Logistik, (Service-)Technik und Teamführung sowie an der Bereitschaft bzw. Gewohnheit, flexibel, zu unkonventionellen Zeiten und am Wochenende zu arbeiten. Ein weiterer Faktor ist die ihnen attestierte Fähigkeit, ein Team zur Erreichung ambitionierter, aber realisierbarer Ziele zu motivieren. Darüber hinaus wird von ihnen erwartet, auch in kritischen Situationen richtige und schnelle Entscheidungen treffen zu können, die das Potenzial haben, Menschen positiv zu beeinflussen.

Ehemalige Soldaten werden allerdings trotz dieser positiven Zuschreibungen nicht immer als durchgehend ideale neue Fachkräfte angesehen. Stichwort „Kasernenton“: Viele Unternehmen sehen den möglichen Mangel emotionaler Kompetenzen wie Empathie und sozialer Kompetenzen als eklatante Schwächen früherer Soldaten. Es fehle ehemaligen Offizieren häufig an Eigeninitiative und Kompromissbereitschaft. Darüber hinaus seien sie weisungsorientiert, was eigenständiges Arbeiten und das Delegieren von Aufgaben problematisch werden lassen kann. Auch wirtschaftliches Denken, Flexibilität, Kreativität und selbstständiges Arbeiten werden ihnen von Unternehmen weniger zugetraut. Diese erwarten zwar, dass Ex-Soldaten in der Lage sind, gut organisiert zu arbeiten. Dynamisch und flexibel auf verschiedene und sich schnell verändernde Situationen in der freien Wirtschaft reagieren zu können, gilt allerdings nicht als erwartete Stärke der ausgedienten Militärangehörigen.

Wie viel Ex-Soldaten verdienen

Wie hoch die Einstiegsgehälter von ehemaligen Zeitsoldaten sind, hängt von mehreren Faktoren ab. Nicht nur die Qualifikation, auch der ausgewählte Beruf, die Region, die Branche und die Größe des Unternehmens haben erheblichen Einfluss auf die Gehälter. So erhalten ausscheidende Soldaten und Soldatinnen zum Beispiel generell in Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern ein höheres Einstiegsgehalt als in kleineren Betrieben. Die Rüstungsindustrie ist die wohl am besten zahlende Branche und Bayern ist der lukrativste Standort, wenn es um das erste Gehalt in der freien Wirtschaft geht. Die höchsten zivilen Einkommen erzielen ehemalige Offiziere des zentralen Sanitätsdienstes mit entsprechender Facharztausbildung. Es folgen die Angehörigen der Luftwaffe, der Marine, der Streitkräftebasis und schließlich des Heeres.

Bei einer Untersuchung aus dem Jahr 2013 lag das durchschnittliche Einstiegsgehalt von ehemaligen Zeitsoldaten bei ca. 63.000 Euro brutto im Jahr. Die oberen 30 Prozent stiegen im Schnitt mit einem Bruttojahresgehalt von fast 81.000 Euro ein, die unteren 30 Prozent lediglich mit etwas über 46.000 Euro. Das durchschnittliche Bruttogehalt von Singles lag mit ca. 70.000 Euro über dem von Ex-Soldaten in festen Partnerschaften (fast 61.000 Euro durchschnittlich) und Verheirateten bzw. in eigetragener Lebensgemeinschaft lebenden (etwas über 63.000 Euro).

Auffällig ist, dass Soldaten, die die Bundeswehr als Leutnant oder Oberleutnant in den Besoldungsstufen A9/A10 verlassen haben, mit erheblich geringeren Einstiegsgehältern in der freien Wirtschaft (im Durchschnitt ca. 51.000 Euro brutto im Jahr) rechnen können, als Offiziere im nächsthöheren Dienstgrad Hauptmann bzw. Kapitänleutnant, deren letzte Besoldungsstufe A11 (etwas unter 63.000 Euro) oder A12 (ca. 65.500 Euro) war. 

Am meisten verdienen zum zivilen Berufseinstieg ehemalige Zeitsoldaten aus dem technischen Verwendungsbereich. Mit mehr als durchschnittlich 70.000 Euro brutto im Jahr hebt sich diese Zahl deutlich von weiteren Bereichen wie IT (ca. 61.500 Euro), Logistik oder Kampfeinheiten (jeweils knapp über 60.000 Euro) ab.

Richtet sich der Fokus auf die Einstiegsgehälter der jeweiligen Studienrichtungen der ehemaligen Soldaten, zeigt sich, dass Absolventen technischer Studiengänge die höchsten Einstiegsgehälter beziehen.

Durchschnittliche Einstiegsgehälter ehemaliger Berufssoldaten nach Studiengang

  1. Technische Studiengänge: ca. 67.000 €
  2. Sozialwissenschaften: ca. 64.000 €
  3. Wirtschaftswissenschaften: ca. 61.000 €
  4. Geisteswissenschaften: ca. ca. 58.500 €

Die überraschend gut platzierten Sozialwissenschaftler schneiden bei den oberen 30 Prozent sogar noch besser ab: Mit fast 88.000 Euro Bruttojahresgehalt können sie die Techniker überholen und damit alle anderen Fachbereiche hinter sich lassen. Zum Vergleich: In der freien Wirtschaft verdienen Gesellschafts- und Sozialwissenschaftler im Schnitt lediglich 37.647 Euro in den ersten drei Berufsjahren, womit sie bei Berufseintritt deutlich weniger erhalten als der durchschnittliche Bachelorabsolvent (45.778 Euro brutto im Jahr).

Diese Zahlen stammen aus einer Erhebung aus dem Jahr 2013 und können sich dementsprechend verändert haben. Dass sie niedriger geworden sind, ist allerdings unwahrscheinlich. Die durchaus hohen Einstiegsgehälter beziehen sich auf Zeitsoldaten, die eine Offizierslaufbahn hinter sich haben. 93 Prozent von ihnen haben erfolgreich ein Studium absolviert und sind damit gut ausgebildet. Bemerkenswert ist, dass ehemalige Bundeswehroffiziere mit Studienabschluss in den jeweiligen Studiengängen ein höheres Einkommen als Absolventen ziviler Hochschulen erzielen und darüber hinaus häufig Führungspositionen einnehmen.

Gut ausgebildet, erfahren und kompetent in der Führung

Sind ehemalige Soldaten und Soldatinnen nun die besseren Arbeitskräfte? Diese Frage ist so pauschal kaum zu beantworten. Ihre Attraktivität für Arbeitgeber hingegen lässt sich gut erklären. Soldaten und Soldatinnen werden eine ganze Reihe militärischer Attribute zugeschrieben. Viele dieser Eigenschaften werden besonders in der Logistik und von Unternehmen wie Amazon als positiv bewertet – Geschäftsfelder, die in den letzten Jahren häufig wegen umstrittener Arbeitsbedingungen in der Kritik standen. Einerseits sind Ex-Soldaten begehrt, weil sie – zwar mit wenig Erfahrung im genauen Aufgabenbereich – generell gut ausgebildet sind und Fachkompetenz mitbringen sowie Lebens- und Arbeitserfahrung vorweisen können. Andererseits werden die klassischen militärischen Attribute nicht von jedem Unternehmen und in jeder Branche als durchweg positiv betrachtet. Gesteht man den ehemaligen Soldaten die positiv bewerteten Attribute wie Disziplin, Durchhaltevermögen oder Motivationsfähigkeit uneingeschränkt zu, muss man ebenso davon ausgehen, dass sie Eigenschaften mitbringen, die weniger für die freie Wirtschaft geeignet sind. Man unterstellt also, dass Ex-Soldaten ebenfalls Weisungsorientiertheit, mangelnde Eigeninitiative und Kreativität sowie fehlendes wirtschaftliches Denken mitbringen. Diese Eigenschaften machen sie keinesfalls zu den perfekten Arbeitskräften. Damit dürfte klar werden, dass ehemalige Zeitsoldaten nicht per se die besseren Arbeits- und Fachkräfte sind. Verschiedene Positionen und Aufgaben erfordern auch unterschiedliche Kompetenzen und Fähigkeiten. Für die Logistikbranche bzw. manch einen dortigen Arbeitgeber mögen sie mit ihrer Ausbildung und dem erlangten Fachwissen genau die ‚richtigen‘ Kompetenzen mitbringen. Nicht vergessen werden darf allerdings, dass am Ende noch immer Menschen in Uniformen oder Business-Outfits stecken. Menschen, die von Institutionen wie der Bundeswehr geprägt sein und einiges erlernt bzw. verinnerlicht haben können. Die Attribute, die ihnen durch ihre Ausbildung bei der Bundeswehr zugeschrieben werden, können nicht das ganze Bild einer Arbeitskraft, geschweige denn eines Menschen zeichnen.

Quellen:

Amazon

Bento

BFD

Businessinsider.de

Elbe, Martin (März 2018): Berufskarrieren ehemaliger Zeitoffiziere: Erfahrungen und Erfolgsfaktoren. Forschungsbericht 115, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr.

FAZ

Focus

Nantke, Ronny (November 2013): Einstiegsgehälter von Zeitoffizieren in der zivilen Wirtschaft.

Rheinische Post

Spiegel-Online

Welt

ZDF

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