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Gehaltsverzicht wegen Corona: Politiker, Vorstände, Fußballprofis & Co.

Ein Mann verzichtet mit einer ablehnenden Geste auf ihm angebotenes Geld.

Stillgelegte Fließbänder, leere Stadien und geschlossene Geschäfte: COVID-19 hat nicht nur zu weitreichenden Einschränkungen im Alltag geführt, sondern auch die Wirtschaft schwer getroffen. Während ein großer Teil der Beschäftigten hierzulande durch Kurzarbeit oder gar den Verlust des Arbeitsplatzes unfreiwillig Einkommenseinbußen hinnehmen muss, setzen einzelne Top-Verdiener durch einen freiwilligen Gehaltsverzicht ein Zeichen.

Die öffentliche Diskussion um sozialen Zusammenhalt und Solidarität nimmt angesichts der Corona-Krise zu und die Rufe nach Gehaltsverzicht von sehr gut verdienenden Angestellten und Beamten wie beispielsweise Top-Politikern, Spitzensportlern oder Vorständen großer Konzerne werden lauter. Wir werfen einen Blick auf die aktuelle Debatte. Wer hat durch das Thema Gehaltsverzicht, möglicherweise auch unfreiwillig, von sich reden gemacht? Wer hält sich diesbezüglich eher zurück und warum? Diese und weitere Aspekte beleuchten wir in diesem Artikel.

Gehaltsverzicht bei Topmanagern: eine Frage der Haltung

Egal ob Produktionsbetrieb, Dienstleister oder Einzelhandel: Kaum eine Branche ist von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie verschont geblieben. Vor dem Hintergrund steigender Kurzarbeitszahlen, fallender Aktienkurse und ernüchternder Zukunftsprognosen verkündeten Vorstände und Führungskräfte zahlreicher Unternehmen, freiwillig auf Teile ihrer Gehälter verzichten zu wollen.

Ein paar Beispiele: Mit der Aussage „Wir sitzen alle im selben Boot“ gab der Vorstand von Thyssenkrupp bekannt, auf zehn Prozent des Gehalts zu verzichten, und rief zugleich die 1.500 Führungskräfte des Konzerns dazu auf, dem Beispiel zu folgen. Nachdem der Autokonzern Daimler einen Großteil der Produktion herunterfahren musste, entschied die Managementebene – wie bereits während der Finanzkrise 2009 – den Gürtel enger zu schnallen. Demnach verzichten Vorstände und Aufsichtsräte bis zum Ende des Jahres auf 20 Prozent ihrer Grundvergütung. Zudem einigte sich die Konzernführung mit den Führungskräften der obersten drei Ebenen auf eine Gehaltskürzung von zehn Prozent für die nächsten drei Monate.

Der dreiköpfige Vorstand des Sportartikelherstellers Puma bewies seinen Einsatz für die Abfederung der finanziellen Verluste durch einen vollständigen Verzicht auf das April-Gehalt. Zusätzlich gab die weitere Führungsebene rund ein Viertel des Monatsgehalts ab. Ernst Prost, der Geschäftsführer des Ulmer Schmierstoffherstellers Liqui Moly, ging sogar noch einen Schritt weiter: In einem Brief erklärte er, vorerst vollständig auf seine monatlichen Bezüge zu verzichten. Zudem veranlasste er die Auszahlung einer Krisenprämie an alle Mitarbeiter und erklärte, auf Kurzarbeit und Kündigungen zu verzichten.

Zwischen Rettungsversuch, PR-Maßnahme und Staatskrediten

Der stark eingeschränkte Flugverkehr trifft Luftfahrtunternehmen und Reiseveranstalter besonders hart. Die schwer angeschlagene Deutsche Lufthansa war einer der ersten Großkonzerne, der den Rotstift bei den Salären der Führungsebene ansetzte. Die Mitglieder von Aufsichtsrat und Vorstand verzichten bis September auf 25 bzw. 20 Prozent des Gehalts und auf die Auszahlung von Boni. Allerdings reichen die Maßnahmen nicht aus und stellen das Unternehmen vor eine schwierige Wahl: staatliche Hilfe und damit staatlichen Einfluss in Kauf nehmen oder eine Insolvenz in Eigenverantwortung wagen.

Aus Sicht der Beschäftigten ist vor allem die zweite Option besorgniserregend, da der Konzern auf diese Weise versuchen könnte, existierende Leistungsansprüche und Renten aufzulösen. Daher erklärten sich rund 5.000 aktive Piloten der Lufthansa bereit, bis zum Sommer 2022 auf bis zu 45 Prozent ihres Gehalts zu verzichten ­– unter der Bedingung, dass die schwächelnde Fluggesellschaft von der Herbeiführung einer Insolvenz absieht.

In einigen Fällen wirkt der Gehaltsverzicht von Vorständen allerdings wie eine kalkulierte Strategie: Als der Puma-Konkurrent Adidas versuchte, die Mietzahlungen für seine Läden auszusetzen, führte dies zu massiver öffentlicher Kritik und einem Shitstorm in den soziale Medien. Als Reaktion ruderte der Konzern zurück und erklärte zudem, dass der Vorstand auf die Hälfte seines Gehalts und auf die Zahlung von Boni verzichten werde. Außerdem würde die Führungsebene ihr Gehalt um 30 Prozent reduzieren. Allerdings wird dieses Vorgehen auch als Maßnahme im Rahmen der Beanspruchung von Staatskrediten gesehen: Denn Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte Vorstände zum Gehaltsverzicht aufgefordert, um staatliche Hilfen zu erhalten. Ein erster Präzedenzfall war der mit 1,8 Milliarden Euro geförderte Reiseveranstalter TUI, dessen Vorstand sein Grundgehalt um 30 Prozent reduzierte.

Solidarität im Sport – eine Frage der Liga?

Auch im Sport hinterlässt COVID-19 seine Spuren und brachte den Sportbetrieb zum Erliegen. Durch die Pandemie erleiden Sportclubs aufgrund ausfallender Einnahmen hohe finanzielle Verluste. Bei der Diskussion um mögliche Maßnahmen steht neben Kurzarbeit ein Thema besonders im Fokus: der Fußballsport und seine hochbezahlten Profispieler. Dabei wird häufig ein Verzicht auf die berüchtigten Millionengehälter gefordert – sowohl aus Solidarität als auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Die Bereitschaft, auf einen Teil des Gehalts zu verzichten, gestaltet sich in den europäischen Top-Ligen ganz unterschiedlich. Als erster Profiklub der deutschen Fußball-Bundesliga kündigte Borussia Mönchengladbach bereits Mitte März den Verzicht auf einen Teil der Gehälter an, während der FC Bayern München kurz darauf einen Gehaltsverzicht von 20 Prozent bekanntgab. Viele weitere deutsche Clubs folgten und verpflichteten sich zu Gehaltskürzungen von bis zu 30 Prozent.

Dass diese Gehaltsreduzierungen – anders als von den PR-Abteilungen der Clubs kommuniziert – nicht durchgängig auf freiwilliger Basis und mit voller Unterstützung durch alle Spieler vonstattengingen, zeigte nicht zuletzt ein Video aus der Kabine von Hertha BSC Berlin. Salomon Kalou hatte einen Teil seiner Mitspieler live dabei gefilmt, wie diese sich negativ über die Gehaltsabzüge äußerten. Kritik ruft der Gehaltsverzicht der Bundesligaspieler teilweise hervor, da dieser lediglich den Vereinen zugutekäme und nicht den wirklich Bedürftigen helfe. Gegner dieser Ansicht argumentieren hingegen, dass das eingesparte Geld die Arbeitsplätze der im Profibereich zahlreichen Mitarbeiter des Betreuerstabs, der Geschäftsstellen etc. sichere. Millionengehälter bekommen nämlich nur die wenigsten Angestellten der Profiklubs.

Wie solch ein Millionengehalt mit gesamtgesellschaftlichem Nutzen eingesetzt werden kann, zeigten Joshua Kimmich und Leon Goretzka vom FC Bayern München. Sie riefen die Spendeninitiative We Kick Corona ins Leben und spendeten als Startschuss gleich selbst eine Million Euro für den guten Zweck. Inzwischen konnten sie bei zahlreichen Sportskameraden und -kameradinnen sowie Privatpersonen mehr als 4 Millionen Euro einsammeln – verbunden mit der Zusage, sich persönlich darum zu kümmern, dass die Zuwendungen bei sozialen, karitativen oder medizinischen Projekten und Einrichtungen in Deutschland ankommen, die von der Corona-Pandemie betroffen sind.

Anders als in der Bundesliga sieht es in der englischen Premiere League aus, wo eine verbreitete Bereitschaft zum Gehaltsverzicht zu fehlen scheint – trotz zäher Verhandlungen und konkreter Forderungen aus der Politik. In der teuersten Liga der Welt erklärten sich im April lediglich drei der 20 Vereine zu Gehaltskürzungen bereit. In den stark von Corona betroffenen Ländern Italien und Spanien setzen die Clubs ein deutlicheres Zeichen für Solidarität: So kürzte beispielsweise Real Madrid die Gehälter seiner Profis um zehn Prozent während der spanische Meister FC Barcelona einen Gehaltsverzicht von vorerst 70 Prozent für die Dauer des Alarmzustands bekanntgab. Bei beiden Vereinen werden Gehaltskürzungen um 30 Prozent für die folgende Saison diskutiert. In der italienischen Serie A einigten sich beispielsweise die Vereine Juventus Turin und AS Rom mit ihren Spielern auf einen viermonatigen Gehaltsverzicht. Zudem gleichen die Spieler Roms das gekürzte Gehalt der Klub-Mitarbeiter aus, welche aufgrund der Pandemie auf staatliche Hilfsleistungen angewiesen sind.

Die Menschen abseits des Spielfelds haben auch einige Maßnahmen in der NBA im Fokus: Dort unterstützen Clubs wie die Golden State Warriors sowie einzelne Spieler wie Giannis Antetokounmpo (Milwaukee Bucks) oder Zion Williamson (New Orleans Pelicans) mit hunderttausenden Dollars die bis zu 1.000 Mitarbeiter, die rund um ein Basketballspiel der Profi-Liga im Einsatz sind und aufgrund der Absage aller aktuellen Spiele kein Einkommen haben.

Uneinigkeit in der Politik

Regierungen und ihre Beamten sind die Krisenmanager während der Corona-Pandemie. Politikerinnen und Politiker appellieren an die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger und die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Vor dem Hintergrund der massiven finanziellen Einbußen für Unternehmen und Arbeitnehmer wächst aber auch die Diskussion um einen Gehaltsverzicht von Staatschefs, Ministern und hochrangigen Beamten.  

Einige Länder und Regierungschefs haben dies bereits vorgemacht: Angesichts der wirtschaftlichen Situation verkündete beispielsweise Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern einen sechsmonatigen Gehaltsverzicht von 20 Prozent für Minister, führende Regierungsbeamte und sie selbst. Ähnliche Beschlüsse wurden auch in Indien getroffen, wo die Bezüge aller Parlamentarier um fast ein Drittel gekürzt wurden. In Österreich entschlossen sich die Minister um Bundeskanzler Sebastian Kurz, jeweils einen Nettomonatslohn zu spenden, um ein „Zeichen des Zusammenhalts“ zu setzen.

Ein Gehaltsverzicht für Politiker und Beamte ist in Deutschland bisher nicht vorgesehen. Trotz hitziger Diskussionen und vereinzelter Bereitschaftserklärungen auf Bundes- und Länderebene besteht zu diesem Thema kein Konsens. Allerdings einigten sich alle sechs Fraktionen im Bundestag auf den Verzicht der planmäßigen Erhöhung der Diäten in diesem Jahr. Auf diese Weise wolle man ein Signal in der außergewöhnlichen Krisensituation setzen.

Einwände gegen einen Gehaltsverzicht

Einige Unternehmen lehnen einen Gehaltsverzicht für Unternehmensvorstände und Spitzenmanager ab. Hierzu gehört beispielsweise Siemens, dessen CEO Joe Kaeser sich deutlich gegen eine solche Maßnahme ausspricht. Ein Gehaltsverzicht würde nämlich nicht den Betroffenen der Corona-Krise helfen, sondern lediglich den Gewinn des Unternehmens steigern. Hiervon würden schließlich vor allem die Aktionäre profitieren. Stattdessen setze das Unternehmen auf eine Reihe anderer Maßnahmen, darunter die Einrichtung eines spendenbasierten Hilfsfonds.

Ähnliche Bedenken äußerte auch Fußball-Weltmeister Toni Kroos (Real Madrid) hinsichtlich möglicher Gehaltskürzungen. Obwohl dies eine Option sei, wäre ein Gehaltsverzicht wie eine „Spende ins Nichts oder an den Verein“. Stattdessen sei es sinnvoller, volle Gehälter auszuzahlen und an die Spieler zu appellieren, ihren Lohn eigenverantwortlich und gezielt zur Unterstützung der Betroffenen einzusetzen. Diese Aussagen sorgten vor allem in Spanien für heftige Kritik in der Presse und den sozialen Medien. Als der spanische Rekordmeister schließlich Gehaltskürzungen in den Bereichen Fußball und Basketball verkündete, drückte der deutsche Nationalspieler jedoch seine Unterstützung für diese Maßnahme aus.

Zumindest arbeitsrechtlich haben allgemeine ‚Gehaltsverzichte‘ vermutlich einen schweren Stand. Umso bemerkenswerter ist es, wenn Spieler wie Kimmich und Goretzka, aber auch viele andere über die allgemeinen Absprachen ihrer Vereine hinausgehen, und Unternehmer wie Ernst Prost (Liqui Moly) sich ihrer privilegierten Situation und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind und jenen helfen, die ihre Hilfe benötigen. Erzwingen kann man dies jedoch nicht. Verzicht hat auch immer etwas mit Freiwilligkeit zu tun.

 

Quellen:

Augsburger Allgemeine

Bundesagentur für Arbeit

Deutscher Bundestag

Economic Times

Finance Magazin

Focus

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Manager Magazin

NDR

Redaktionsnetzwerk Deutschland

Spiegel

Sportschau

Spox.com

Statista

Süddeutsche Zeitung

Tagesschau

TZ

Welt

Westdeutsche Zeitung

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