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Nachwuchssorgen im Handwerk: Liegt’s an den Löhnen?

Nachwuchssorgen im Handwerk: Liegt’s an den Löhnen?

Das Handwerk in Deutschland hat ein massives Problem: Während die Umsätze steigen und die Auftragsbücher voll sind, wollen viel zu wenige Menschen einen handwerklichen Beruf erlernen. Die Gründe dafür sind vielschichtig – fest steht allerdings, dass die Löhne in vielen Fällen weit unterdurchschnittlich bleiben. Doch wer weise wählt, sich das passende Berufsfeld aussucht und die richtigen Weichen für die Karriere stellt, kann durchaus mit einer anständigen Bezahlung rechnen.

Handwerk hat Tradition – nach der Landwirtschaft wohl die längste in der Geschichte der Menschheit. Die Herstellung von Werkzeugen zum Beispiel, die eine wichtige Voraussetzung für die Sesshaftwerdung des Menschen in grauer Vorzeit war, wäre ohne Spezialisten in der Verarbeitung von Rohstoffen kaum möglich gewesen. Das Handwerk, wie wir es heute kennen, hat seine Wurzeln im Hochmittelalter (ca. 1050 bis 1250 unserer Zeit). Durch eine effektivere Landwirtschaft wurden viele Hände frei, die sich wiederum mit der Verarbeitung und Herstellung von Holz, Metall, Stoffen oder Lebensmitteln beschäftigen und sich hier zu Experten weiterbilden konnten.

Warum hat Handwerk goldenen Boden?

Der Boom der Städte in dieser Epoche war gleichzeitig Voraussetzung und Folge des sich ausbildenden Handwerks. Die Entwicklung ging Hand in Hand. Mit dem Ende des Mittelalters (ca. 1500) bestanden dann allerorten Zünfte, regional organisierte Zusammenschlüsse und Interessenvertretungen von Handwerkern gleicher Berufe, die – in natürlich nicht mehr identischer Form – als Innungen bis heute Bestand haben. Aus dem Mittelalter stammt ebenfalls der Spruch „Handwerk hat goldenen Boden“, der allerdings so nur zur Hälfte wiedergegeben ist. Vollständig heißt er nämlich: „Handwerk hat goldenen Boden, sprach der Weber, da schien ihm die Sonne in den leeren Brotbeutel.“ Nichts anderes ist damit gemeint, als dass Handwerker vor mehr als 500 Jahren durchaus auch Armut litten.

Was sich neben den Zünften bzw. Innungen ebenfalls bis heute erhalten hat, ist, dass das Handwerk in aller Regel in kleinen bis mittelständischen und lokal oder regional tätigen Betrieben ausgeübt wird. Wenige Firmen haben mehr als 100 Mitarbeiter. Das traditionelle System von Lehrling, Geselle und Meister besteht in vielen Berufen ebenfalls weiterhin. Die Handwerksordnungen legen für viele Zweige fest, dass Betriebe zwingend von einem Meister geführt werden müssen. Der Anteil dieser Firmen geht allerdings zurück, denn der Meisterzwang wird zunehmend aufgeweicht.

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland: Berufe im Wandel

Etwa 5,4 Millionen Menschen in Deutschland sind im Handwerk beschäftigt. Eine bemerkenswerte Tendenz nach oben oder unten gibt es bei diesen Zahlen im Verlauf der vergangenen Jahre nicht – im Gegensatz zum Umsatz. Der nimmt nämlich beträchtlich zu: 5,61 Milliarden € konnten Handwerksbetriebe im Jahr 2016 umsetzen, was einer Steigerung von fast drei Prozent zum Vorjahr entspricht. Bemerkenswert ist dies nicht zuletzt deshalb, weil die Expansionsmöglichkeiten für Betriebe der Branche begrenzt sind. Schließlich gibt es in jeder kleineren Stadt schon Werkstätten, Bäckereien, Friseure oder Bauunternehmen. Die Auftragsbücher sind beispielsweise im Baugewerbe zwar gut gefüllt, Zweige wie das traditionelle Backhandwerk im Kleinbetrieb sehen sich jedoch hartem Druck durch überregional operierende Backshops ausgesetzt. Außerdem macht ein hoher Anteil an Schwarzarbeit dem ehrlichen Handwerk zu schaffen.

Wie viele Wirtschaftszweige befindet sich auch das Handwerk im Wandel. Etliche traditionelle Berufe drohen auszusterben, da sich die Arbeitswelt schlichtweg verändert hat. Nur noch wenige Menschen fragen beispielsweise die Produkte von Böttchern nach – der Beruf dieses Gefäßherstellers dürfte nur überleben, wenn er mit der Zeit gehen und sich gegebenenfalls spezialisieren und weiterentwickeln kann. Dass Berufe verschwinden, ist indes nichts Neues: Sarwürker beispielsweise, die im Mittelalter Kettenhemden herstellten, haben schon lange keinerlei Bedeutung mehr.

Nicht zuletzt die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts hat zahlreiche Handwerksberufe verschwinden lassen. Doch ebenso kamen mit dem technischen Fortschritt neue hinzu: Kfz-Mechatroniker, Betonfertigteilbauer, Anlagenmechaniker, Hörakustiker und viele mehr gab es in dieser Form vor 100 Jahren noch nicht. Das Handwerk ist also in der Lage, mit der Zeit zu gehen.

Übrigens: Vom Handwerk als einer Branche zu sprechen, ist nicht unproblematisch. Schließlich sind Menschen mit handwerklicher Ausbildung in verschiedensten Berufszweigen tätig. Die wichtigsten Branchen sind:

Zukunftssorgen: Zu wenige Lehrlinge in vielen Berufen

Trotz wirtschaftlicher Erfolge fehlt es den Betrieben vielfach an Nachwuchs. Lehrstellen bleiben in großem Maße unbesetzt, rund 14.000 waren es im Ausbildungsjahrgang 2016/2017. Vor allem das Lebensmittelhandwerk ist betroffen, allein hier fehlten fast 3.300 Lehrlinge. Auch im Elektro-, Sanitär- und Heizungs- sowie im Friseurgewerbe sieht es schlecht aus. Die Zahlen der laufenden Ausbildungsverhältnisse der vergangenen Jahre sprechen eine deutliche Sprache:

  • 2011: 417.318
  • 2012: 401.819
  • 2013: 383.629
  • 2014: 370.995
  • 2015: 364.363
  • 2016: 362.842

Gleichzeitig bleiben etliche Bewerber ohne Lehrstelle. Es gibt also eine große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwar konnte im vergangenen Jahr ein leichtes Plus bei den Neuabschlüssen von Ausbildungsverträgen verzeichnet werden – ob eine Trendwende damit einsetzt, bleibt allerdings fraglich. Vor allem im Osten Deutschlands sinken die Zahlen nach wie vor. Hoffnungen legen die Unternehmen auf Studienabbrecher, um die gezielt geworben wird. Außerdem versuchen einige Betriebe, Zuwanderer und Geflüchtete mit entsprechenden Fähigkeiten zur Aufnahme einer Handwerkslehre zu bewegen. Hier befinden sich derzeit noch viele Menschen in Schulen und Vorbereitungskursen, bevor sie dem Ausbildungsmarkt zur Verfügung stehen.

Woher kommt der Mangel an Azubis trotz steigender Umsatzzahlen?

Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) lassen sich die niedrigen Lehrlingszahlen auch mit einem Imageproblem begründen. Immer mehr Menschen machen inzwischen Abitur und streben anschließend ein Studium anstelle einer Lehre an. Unter den Ausbildungsberufen wiederum sind außerdem eher kaufmännische als handwerkliche Tätigkeiten gefragt.

Das zeigt sich vor allem auch da, wo es um die Verteilung von Männern und Frauen im Handwerk geht. Bei sämtlichen in diesem Wirtschaftszweig tätigen Betrieben ist rund ein Drittel der Beschäftigten weiblich, wobei viele Frauen kaufmännische Berufe wie z. B. in der Buchhaltung ausüben. In den handwerklichen Ausbildungen stellen Frauen nicht einmal ein Viertel der Lehrlinge. Wenn doch, so sind dies meist technikferne Berufe wie Friseurin oder Gebäudereinigerin. Kfz-Mechatronikerinnen findet man weitaus seltener.

Die beliebtesten Ausbildungsberufe im Handwerk und ihre Gehälter

Was die Zahl der Ausbildungsverträge in handwerklichen Berufen betrifft, so spiegelt sich hier die Verteilung Männer-Frauen deutlich wieder: Technik überwiegt vor Service oder Nahrungsmitteln. Bemerkenswert ist, wie weit die Gehälter auseinandergehen, die nach Abschluss der Lehre im Schnitt in diesen Top-10-Berufen erzielt werden:

Kaufmännische Ausbildungen werfen zwar oft noch weniger ab, beispielsweise der beliebteste Lehrberuf überhaupt, Kaufmann/-frau für Büromanagement, mit rund 2.250 € im Monat nach der Ausbildung. Im Vergleich mit akademischen Berufen haben die Handwerker jedoch in der Regel das Nachsehen. Zwar verdient man als Elektroniker in der Ausbildung von Anfang an Geld und ist wesentlich früher in Lohn und Brot als jemand, der zunächst mehrere Semester ohne Entgelt studieren muss. Als Elektroingenieur beträgt das Durchschnittsgehalt allerdings mehr als das Anderthalbfache des Handwerksgesellen: Auf über 4.500 € im Monat kommt der Ingenieur, wo sich der Elektroniker mit etwa 2.850 € begnügen muss.

Wie es weitergehen kann als Handwerker

Es wundert nicht, dass Weiterbildungen gefragt sind, um das Einkommen steigern zu können. Möglich ist es zum Beispiel, mit abgeschlossener Berufsausbildung an einer Fachhochschule zu studieren und so auch später noch einen akademischen Beruf zu ergreifen und entsprechend mehr zu verdienen.

Natürlich ist so ein Studium nicht jedermanns Sache. Gehaltssteigerungen erzielen auch jene, die sich dazu entschließen, sich zum Meister weiterzubilden. Der Erwerb des Meisterbriefs zahlt sich aus; so kommt ein Maler- und Lackierermeister auf rund 2.675 € im Monat (der Geselle im Vergleich: 2.400 €). Maurermeister steigern ihren Monatslohn gegenüber den Gesellen im Schnitt um mehr als 200 € und auch für Zimmerermeister ist ein ähnliches Plus drin. Allerdings ist eine Meisterausbildung wiederum mit Kosten verbunden, die selbst zu tragen sind.

Die Zahlen zeigen jedenfalls: Der vermutete schlechte Ruf des Handwerks gegenüber kaufmännischen Berufen ist von den Gehältern her nicht gerechtfertigt. Die Werkstatt hat dennoch häufig gegenüber dem Büro das Nachsehen – vielleicht, weil sich „die Hände schmutzig zu machen“ einfach unpopulär geworden ist. Angesichts der Wachstumsraten in krisenfesten Branchen wie Bauwesen & Co. sowie den durchaus vorhandenen Möglichkeiten zur persönlichen Weiterbildung gilt der erste Teil der Redewendung vielleicht doch: „Handwerk hat goldenen Boden.“

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Quellen:

Zentralverband des Deutschen Handwerks
Deutsche Handwerks Zeitung
handwerk magazin
Süddeutsche
WAZ.de
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